Es begann 1972:
Wega Studio 3208
Einer meiner Kunden brachte mir eine Wega‑Anlage, Baujahr 1972. Er verbindet damit eine ganz besondere Geschichte und sagte, dass er sich sehr freuen würde, wenn ich die Anlage wieder zum Laufen bekäme.
Der erste Eindruck war gar nicht so schlecht: Das Gerät war unverbastelt und vollständig, es waren ihm sogar ein paar Töne zu entlocken, und das nach 54 Jahren!
Fangen wir mal an:
Zuerst habe ich einige elektronische Bauteile erneuert. Einige Kondensatoren waren bereits in Rente und konnten die ihnen zugeteilten Aufgaben nicht mehr erledigen. Sie wurden durch jugendliches Material ersetzt.
Das hielt sich in akzeptablen Grenzen, da hatte ich mehr Probleme erwartet. (Zeitaufwand ca. 2 Stunden)
Die Stereoanzeige
Die Glühbirne der Stereoanzeige unter der Skalenscheibe war kaum noch sichtbar. Original-Ersatz ist nirgendwo zu bekommen. Ich habe sie daher auf eine LED umgebaut. Funktioniert einwandfrei!
(Zeitaufwand 1 1/2 Stunden)
Die Abstimmanzeigen
Die Abstimmanzeige hing fest, ich konnte sie motivieren, sich wieder in Bewegung zu setzen. Die Feinanzeige ließ sich leider nicht reparieren, das Gehäuse ist fest verklebt und kann nicht geöffnet werden. Diese Anzeige ist aber für die Funktion nicht wichtig! (Zeitaufwand: ca. 1 Stunde)
Die Wega Radio GmbH
war ein legendärer deutscher Hersteller für Unterhaltungselektronik aus Fellbach bei Stuttgart. 1923 gegründet, wurde die Firma ab den 1960er-Jahren durch weltberühmtes Industriedesign (u. a. von Verner Panton und Hartmut Esslinger) zur Kultmarke für Hi-Fi und Fernseher, bis Sony das Werk 1975 übernahm und es schrittweise integrierte die Marke in sein Portfolio. Leider fehlte die Leidenschaft, das Projekt scheiterte, die Marke Wega verschwand endgültig.
Sichtkontrolle:
Natürlich streikte der Dual-Plattenspieler wie alle seine Kollegen entsprechender Geburtsjahre.
Der Radioempfang über UKW war beeindruckend, trotz lokal schlechter Empfangsqualität.
Beim näheren Kennenlernen des Gerätes zeigten sich jedoch zunehmend kleine und größere Mängel, deren Beseitigung herausfordernder war, als ursprünglich angenommen.
Wie so oft traten nach der Restauration einzelner Segmente unerwarteterweise Mängel in ganz anderen Bereichen auf. Ersatzteile waren mit Ausnahme der üblichen Elektronikkomponenten auch gebraucht nicht mehr aufzutreiben.
Insbesondere bei den Bedienelementen bleibt nur die übliche Uhrmacherarbeit: ausbauen, zerlegen, reinigen und konservieren. Diese Arbeiten sind aber von den Herstellern nicht vorgesehen, die eher an einen kompletten Austausch gedacht haben. Geht aber nach über 50 Jahren nicht mehr!
Der Klassiker:
Ein neues Skalenseil
Danach wurde das angerissene UKW‑Skalenseil erneuert. Das gehört – zugegebenermaßen – nicht zu meinen Lieblingsarbeiten. Aber man lernt das Innere des Gerätes bis in die verborgensten Ecken kennen!
(Zeitaufwand ca. 2,5 Stunden)
Mein Alptraum: Der Preomat
In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es keine andere Möglichkeit für UKW‑Festsendertasten als den sogenannten „Preomaten“. Das ist eine Vorrichtung, die ermöglicht, über kleine Potentiometer, die sich in den Stationstasten verbergen, Spannungen mechanisch zu speichern. Diese Spannungen erzeugen im UKW‑Teil unterschiedliche Empfangsfrequenzen. So konnten bestimmte Sender den jeweiligen Tasten zugeordnet und immer wieder durch Knopfdruck abgerufen werden. Im Vergleich zu heute ein großer mechanischer Aufwand, der natürlich dem Verschleiß unterliegt. Die Restauration des Preomaten (das sind die Schalter für die Senderspeicher) war eine große Herausforderung. Es gibt keinerlei Ersatzteile mehr. Daher blieb mir nichts anderes übrig, als den Preomaten komplett zu zerlegen, alle Teile gründlich zu reinigen, Oxidation zu entfernen und zu konservieren. Der Betrieb des UKW‑Empfängers wäre ohne diese Reinigung unmöglich gewesen.
(Zeitaufwand: ca. 8 Stunden)
Die Bilder zum Preomaten
Ich dokumentiere solche Restaurationen immer ausführlich mit meiner Kamera. Das hilft beim Zusammenbau und bei zukünftigen ähnlichen Reparaturen. Das große Problem waren die stark oxidierten Kontakte. Ich habe spezielle Verfahren zur schonenden Reinigung entwickelt, denn die hauchdünne Silberschicht darf nicht beschädigt werden. Kontaktsprays verwende ich grundsätzlich nicht!
Eingebaut
Die Schieberegler
Die Schieberegler haben reichlich gekracht! Natürlich gab es keinen Ersatz. Eine der winzigen Schleifkohlen hatte sich wohl in Staub aufgelöst, ein guter Kontakt war unmöglich. Was tun, wenn es keinen Ersatz gibt? Ich habe noch ein paar alte, ungebrauchte Potentiometer, die den gleichen Kohlekontakt verwenden. Die mussten jetzt leider dran glauben, schade, aber die einzige Möglichkeit! Die Kontaktflächen wurden natürlich gereinigt.
(Zeitaufwand: ca. 3 Stunden)
Komplettrestauration Dual 1216
Eigentlich ein Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst, was die Ingenieure von Dual hier geschaffen haben. Aber die absolute Hölle, wenn nach 50 Jahren nichts mehr funktioniert. Ich habe schon viele Stunden meiner kostbaren Lebenszeit damit verbracht, diese Plattenspieler wieder zum Laufen zu bekommen. Wenn man nicht versteht, wie das Zusammenspiel der vielen, teils sehr filigranen Einzelteile ineinandergreift, hat man keine Chance!
Nach viel Lehrgeld gehe ich keine Kompromisse mehr ein: Die Mechanik wird komplett zerlegt, alte verharzte Schmiermittel sorgfältig entfernt, alles vorschriftsmäßig neu geschmiert und wieder zusammengebaut. Danach muss alles neu justiert werden, insgesamt ein erheblicher Aufwand. Die Lohnkosten übersteigen in der Regel den Zeitwert um ein Vielfaches.
(Zeitaufwand: ca. 8 Stunden)
Die Wega‑Anlage absolvierte nach Abschluss der Arbeiten einen mehrtägigen Probelauf.
Der Dual brauchte noch eine kleine Nachbesserung, außerdem fiel der Entzerrer-Vorverstärker auf einem Kanal aus. Ursache war der Defekt mehrerer Kondensatoren. Ich habe die entsprechenden Kandidaten im anderen Kanal ebenfalls getauscht.
Das Gehäuse und die Skalenscheibe wurden behutsam restauriert, wobei ich immer daran denke, dass man das Alter der Geräte gerne sehen darf.
Auszug Technische Daten Wega Studio 3208:
| Musik - Ausgangsleitung | 2x40 W |
|---|---|
| Sinus - Ausgangsleistung | 2x30W 8Ohm |
| Klirrfaktor | 0,5% |
| Frequenzgang | 20-25000 Hz +/- 1.5 dB |
| Radio Empfangsbereiche | UKW, 2x KW, MW, LW |
| UKW - Empfindlichkeit | besser 1,5 uV |
| Preis 1972 | 1830,- DM |
| Entspricht heute: | ca. 3700,-€ |
Lohnt sich eine solche Restauration?
Rational betrachtet: Nein! Ich vergleiche das oft mit klassischen Oldtimern im Automobilbereich: Die korrekte Berechnung des Arbeitslohnes bei dieser Restauration ginge deutlich in den vierstelligen Bereich. Beim historischen Fahrzeug ist das kein Problem, in der Unterhaltungselektronik kann ich davon nur träumen. Ich werde mir in Zukunft sehr genau überlegen, ob ich mich – bei meiner konstant knappen Zeit – auf ähnliche Restaurationen noch mal einlasse. Ich war mit der Wega‑Anlage zusammengerechnet ca. 14 Tage beschäftigt!


